Wort zum Sonntag zum Jahreslosung

Jesus Christus sprich: "Seid barmherzig,

wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist!"

Silvester 1986 sendete die ARD versehentlich die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers aus dem Vorjahr. Und kaum einer merkte es. Die Jahre glichen sich zu sehr, die Botschaften ebenso. Der jetzige Jahreswechsel ist anders. Weil 2020 so ganz anders war. Lockdown, Masken, Abstand, Überlastung der Pflegenden, Querdenker, Homeoffice... Vielleicht wird 2020 als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem die Normalität zu Ende ging. Und vielleicht wird 2021 die Erkenntnis bringen, dass wir uns an eine neue Normalität gewöhnen müssen. Hinzu kommen ja auch die anderen Umwälzungen, von denen wir mehr ahnen als wissen, wie sie unsere Welt verändern werden: Klimawandel, Digitalisierung, die tiefen Risse und Ungleicheiten in unserer Gesellschaft und in der Welt.

Mitten hinein in diese unübersichtliche Lage spricht uns die Jahreslosung für 2021 an: „Seid barmherzig, wie euer himmlischer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36)

Beide Satzteile dieser Bitte Jesu an uns gehören zusammen, denn erst wer erkennt, wieviel Barmherzigkeit er selbst in seinem Leben erfahren hat, lernt auch barmherzig gegenüber anderen zu sein. Kürzlich berichteten zwei Männer, die heute 55 und 61 Jahre alt sind, in einer Wochenzeitung, wie sie in jungen Jahren eine Diagnose bekamen, nach der sie nur noch wenige Jahre zu leben hätten. Der eine hatte Mukoviszidose, der andere war HIV-positiv. Beide überlebten und schauten nun zurück. Wenn er das alles Revue passieren lasse, sagte einer von ihnen am Schluss des Interviews, empfinde er vor allem eines: Dankbarkeit. Sie ist der Schlüssel für ein Leben aus Barmherzigkeit, das uns auch anderen gegenüber barmherzig werden lässt.

Vielleicht ist barmherzig zu sein der beste Rat für uns am Beginn von 2021. Er wird uns lehren, dass wir gnädig sein können mit den Fehlern anderer, weil wir unsere eigenen kennen, dass Verzicht Freiheit bringen kann und dass miteinander besser ist als gegeneinander. Und schließlich auch, dass Veränderungen uns nicht ängstigen brauchen, sondern wir mutig in eine neue Zukunft gehen können, weil ein barmherziger himmlischer Vater uns begleitet.

 

Ihr Pfarrer Matthias Ullrich